• Beitrag zuletzt geändert am:28. September 2026
Du betrachtest gerade Resilienz und die Sache mit der Unkaputtbarkeit

Es gibt ein Bild von Resilienz, das mir in meiner Arbeit immer wieder begegnet. Dieses Bild hält sich so hartnäckig, dass manche Menschen beim Begriff „Resilienz“ genervt die Augen verdrehen. Zu Recht, übrigens.

Es geht um die Vorstellung, dass Resilienz uns immer belastbarer macht, damit wir auch unter schwierigen Bedingungen weiter funktionieren. Wer nur resilient genug ist, dem macht irgendwann nichts mehr etwas aus. Kurz: Wir werden ein bisschen „unkaputtbarer“. Was ist dran am Bild der „Unkaputtbarkeit“?

Was Resilienz alles können soll

Ich bilde seit ein paar Jahren Menschen weiter, bin in Schulen und Bildungseinrichtungen unterwegs. Und immer wieder denke ich: „Krass, wofür der Begriff Resilienz alles herhalten muss.“ Besonders diese einfache Formel hält sich hartnäckig: Je resilienter ein Mensch, umso belastbarer.

Klingt auch total verlockend. Denn es würde bedeuten, wenn wir nur alle fleißig an unserer Resilienz schrauben, dann kommen wir mit Belastungen immer besser zurecht. An dieser Stelle wird’s jedoch schnell problematisch.

Was Resilienz nicht ist 

Eine Lehrerin sagte mir mal, sie „brauche“ keine Resilienz, nur um noch belastbarer zu werden. Ich konnte sie gut verstehen. Denn bei Resilienz geht es nicht darum, den Regler der eigenen Belastbarkeit immer weiter nach oben zu schieben. Als ob es nur die richtige Technik bräuchte, damit man noch mehr leisten und schaffen kann. Genau vor dieser Idee möchte ich warnen. Nicht vor der Idee der Resilienz, sondern vor dieser Verkürzung vor ihr.

Die Logik dahinter wäre dann nämlich fast zwangsläufig: Wer resilient genug ist, wuppt eben auch 28 Schüler:innen in einer inklusiven Klasse ohne zusätzliche Unterstützung. Und kompensiert noch den Ausfall von zwei Kolleg:innen durch unbezahlte Mehrarbeit. Wer das alles nicht schafft? Ist eben nicht resilient genug.

Diese Logik dreht jedoch die Kausalität um. Sie macht aus einem strukturellen Problem leicht ein persönliches Defizit, so als gäbe es zu große Klassen, eine Überfülle an Verwaltungsaufgaben und Personalmangel an Schulen nicht. Viele Lehrkräfte formulieren genau das, wenn sie über ihren Berufsalltag sprechen: Sie haben über Jahre auf Kosten der eigenen Grenzen „den Laden am Laufen gehalten“. Das ist ein Muster, das sich nicht endlos fortsetzen lässt.

Resilienz – eine kurze Einordnung 

Ganz grundsätzlich: Resilienz ist kein feststehendes Persönlichkeitsmerkmal, das manche Menschen „haben“ und manche nicht. Der kanadische Resilienzforscher Michael Ungar und sein Team am Resilience Research Centre der Dalhousie University betrachten Resilienz aus einer sozial-ökologischen Perspektive[1] . Vereinfacht gesagt geht es dabei um zwei Prozesse:

1) Menschen bewegen sich aktiv zu den Ressourcen hin, die das eigene Wohlbefinden tragen. Dies können soziale, materielle, kulturelle als auch psychische Ressourcen sein.

2) Sie sorgen – gemeinsam mit anderen – dafür, dass diese Ressourcen überhaupt zur Verfügung stehen.

«Resilienz entsteht nicht im luftleeren Raum.»

Sie erwächst aus dem Zusammenspiel von Menschen und ihrem Umfeld. Viele dieser Ressourcen nutzen Lehrkräfte ohnehin schon:

Wenn du nach einem anstrengenden Elterngespräch einen Kollegen anrufst, um dich kurz auszutauschen (oder auch nur Dampf abzulassen), dann nutzt du die soziale Ressource Beziehung.

Oder wenn du dich vor einem schwierigen Gespräch mit deiner Schulleitung daran erinnerst, was dir bisher in ähnlichen Situationen geholfen hast, dann greifst du auf eine psychische Ressource zurück.

Warum der Kontext wichtig ist 

Resilienz hat also damit zu tun, im entscheidenden Moment auf die eigenen Ressourcen zugreifen zu können. Und was dann daraus folgt, ist von Situation zu Situation verschieden. Der Kontext spielt immer eine wichtige Rolle. 

So ist die angemessene Antwort manchmal tatsächlich Durchhalten, weil du weißt, dass sich eine intensive Phase hoher Arbeitsbelastung absehbar wieder entspannt. Genauso kann die passende Reaktion aber auch Flexibilität sein, indem man zum Beispiel die eigene Erwartung anpasst (was in der Regel ein Herunterschrauben bedeutet – ein Unterfangen, das in der Theorie oft leichter klingt als es ist). 

Ebenso gut kann die resilienteste Antwort auch Abgrenzung sein, weil du etwas bewusst nicht mehr tragen willst. Die Lehrkraft, die einen Ausflug absagt, weil die Vorbereitung neben allem anderen einfach nicht zu leisten ist, handelt nicht weniger resilient als eine Lehrkraft, die das Ganze „durchzieht“. 

Entscheidend ist, dass keine dieser Verhaltensweisen für sich genommen resilient ist. Durchhalten kann sinnvoll sein oder aber dazu führen, dass du dauerhaft über deine Grenzen gehst. Eine Grenze zu setzen kann dich vor Überlastung schützen oder bedeuten, dass du einer unangenehmen Situation aus dem Weg gehst, die du durchaus bewältigen könntest.

Es ist also wichtig zu verstehen, dass nicht eine bestimmte Verhaltensweise „richtig“ und somit automatisch resilient ist. Entscheidend ist, welche Funktion sie in der konkreten Situation hat und wie gut es dir unter Belastung gelingt, deine Ressourcen zu nutzen. Durchhalten kann resilient sein. Grenzen setzen ebenfalls. 

Wobei Resilienz tatsächlich hilft

Ganz falsch ist die Verbindung von Resilienz und Belastbarkeit jedoch nicht. Resilienz kann dazu beitragen, dass wir mit Belastungen besser zurecht kommen. Doch Resilienz ist nicht dasselbe wie Belastbarkeit.

Ich halte es für wichtig, diese Verkürzung von Resilienz „resilient = belastbar“ zu benennen, bevor sie sich unbemerkt einschleicht. Denn sonst entsteht am Ende eine ungesunde Steigerungslogik: Je resilienter ein Mensch ist, umso mehr Belastung hält er aus.

Ja, Resilienz kann dazu beitragen, dass wir mit Belastungen besser zurechtkommen. Doch sie verschiebt unsere Belastungsgrenze nicht einfach immer weiter nach oben.

Das robusteste psychische System kann bei anhaltender Überlastung in die Knie gehen. Auch ein Mensch, der seine Ressourcen gut nutzen kann, kann bei anhaltender Überlastung erschöpfen. Niemand ist unkaputtbar.

Handlungsfähig bleiben oder wieder werden 

Resilienz hilft dir vor allem dabei, auch unter Belastung handlungsfähig zu bleiben oder wieder zu werden. Was heißt das nun konkret? Unter Belastung verlieren Menschen, je nach deren Intensität, häufig den Zugang zu ihren Ressourcen. Statt dann kreativ nach Lösungen zu suchen, verengt sich unter Belastung der Blick – und du steigst dann zum Beispiel in eine gedankliche Grübelspirale ein, die ausschließlich um das Problem kreist.

Stell dir zum Beispiel ein Elterngespräch vor, das für dich schwierig war. Vielleicht kreisen deine Gedanken danach noch stundenlang darum, was du gesagt hast, was dein Gegenüber gesagt hat oder was du hättest sagen wollen. Wenn es dir gelingt, dich gut zu regulieren und deine Aufmerksamkeit wieder auf etwas Anderes zu richten, findest du vermutlich schneller aus dem Grübeln heraus und zurück in dein Gleichgewicht. Du findest wieder Zugang zu anderen Gedanken. Genau darin kann Resilienz durchaus einen Unterschied machen.

Resilienz richtet den Blick also darauf, wie du unter Belastung mit deinen eigenen und den in deinem Umfeld verfügbaren Ressourcen umgehst. Sie nimmt weder die Belastung weg, noch macht sie dich unempfindlich gegenüber Schwierigkeiten und Stress. Es geht nicht darum, wie viel ein Mensch aushält, sondern welche Möglichkeiten er in einer belastenden Situation wahrnehmen, finden und für sich nutzen kann.

Nicht alles liegt in dir 

Und noch etwas ist wichtig: Diese Möglichkeiten und Ressourcen liegen nicht nur in dir selbst.

Resilienz heißt also nicht nur: „Wie passe ich mich an die Situation an?“ 
Resilienz bedeutet auch: „Was muss sich an der Situation ändern?“

Vielleicht braucht die Lehrkraft aus meinem Beispiel nicht die fünfte Atemübung, um den Ausflug doch noch irgendwie zu schaffen. Vielleicht braucht sie eine Kollegin, die eine Aufgabe übernimmt oder der Termin muss verschoben werden, weil das eigentlich perfekt passende Ausflugsziel zum Wunschzeitpunkt nicht geöffnet hat (statt abends auf dem Sofa zu sitzen und die 37. Alternative zu googeln). Vielleicht müssen auch Ansprüche reduziert werden, und zwar nicht nur die eigenen, sondern auch die der Schüler:innen oder Eltern. 

Wenn ich davon spreche, dass du deine Ressourcen nutzt, dann meine ich damit eben nicht nur, dass du in dir selbst nach (psychischen) Ressourcen suchst. Dann kann Resilienz bedeuten, dass du den Blick nach außen richtest: Wer oder was könnte dich unterstützen? Wenn kannst du um Hilfe bitten? Mit wem kannst du dich beraten? Welche Strukturen oder Möglichkeiten gibt es, die du nutzen könntest?

Manchmal braucht es andere 

Dein soziales Netzwerk ist deshalb eine wichtige Ressource. Nicht Instagram & Co, sondern dein Kollegium, Familie oder Freund:innen. Die soziale Unterstützung gilt als der am besten belegte Faktor, der unsere Resilienz stärkt.[2] Dein Netzwerk kann dich ganz konkret entlasten, indem es praktisch mit anpackt.

Und es kann darüber hinaus emotionalen Rückhalt schenken oder andere Perspektiven eröffnen. Resilienz zeigt sich nicht darin, dass Menschen alles allein bewältigen können. Auch, wenn du womöglich die einsame Wölfin in dir liebst oder ein hohes Autonomiebedürfnis hast (so wie ich): Als soziale Wesen brauchen wir andere Menschen. Die Fähigkeit, sich Unterstützung zu suchen und sie anzunehmen, ist daher zutiefst resilient (und oft ist das etwas, das wir als Erwachsene erst wieder lernen dürfen).

Nicht jedes Problem lässt sich individuell lösen 

Und manchmal, da reicht auch das nicht. Denn nicht jede Belastung lässt sich auf der persönlichen Ebene abpuffern. Dass psychische Gesundheit nicht allein eine Frage individueller Bewältigungsstrategien ist, spiegelt sich übrigens auch in den Empfehlungen der WHO wider[3]: Sie nimmt zusätzlich zu individuellen Maßnahmen – die wertvoll und wichtig sind – ausdrücklich auch die Arbeitsbedingungen in den Blick. Wenn Zuständigkeiten unklar bleiben oder schlicht Zeit fehlt, können wir noch so reflektiert und gut vernetzt sein. Dann braucht es auch einen Blick auf den Kontext: Was müsste sich hier (auch schon im Kleinen) verändern, damit ein besserer Umgang mit der Situation überhaupt möglich ist?

Resilienz heißt also nicht, Menschen so lange mit individuellen Strategien auszustatten, bis sie auch unter schlechten Bedingungen irgendwie weiter „funktionieren“. Es geht auch darum, Handlungsmöglichkeiten zu erweitern – sowohl die eigenen als auch die gemeinsamen und manchmal auch die strukturellen.

Du möchtest Resilienz noch besser verstehen?

Was macht uns denn nun resilient? Was hilft uns, wenn es schwierig wird? Genau darum geht es in meinem Live-Onlinekurs. Wir nehmen uns drei Stunden Zeit: zum Verstehen und Ausprobieren. Und für konkrete Ideen, die auch nach dem Kurs noch etwas mit deinem Alltag zu tun haben. Wenn du magst, kannst du hier mehr erfahren: zum Live-Onlinekurs Stress-Leuchtturm.


[1] Ungar, M.: About Resilience, Resilience Research Centre, Dalhousie University: https://resilienceresearch.org/about-resilience/

[2] Bengel, J. & Lyssenko, L. (2012): Forschung und Praxis der Gesundheitsförderung, Band 43; Resilienz und psychologische Faktoren im Erwachsenenalter – Stand der Forschung zu psychologischen Schutzfaktoren von Gesundheit im Erwachsenenalter; BZgA

[3] WHO Guidelines on mental health at work. Geneva: World Health Organiziation; 2022. https://iris.who.int/server/api/core/bitstreams/6152a556-6893-4c4e-9ed8-094478bb25eb/content

Bildnachweis:

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Bei mir lernst du, deine Resilienz zu stärken: alltagstaugliche Impulse für ein Leben jenseits des Funktionierens.

Der Resilienzblog von Bianca Kaminsky

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Bianca

Ich bin Systemische Beraterin und Resilienztrainerin – doch vor allem Pädagogin. Bei mir findest du stärkende Impulse für Menschen, die Resilienz nicht als Buzzword suchen – sondern als echten Anker im Alltag. Ich lebe in Norddeutschland und glaube an die Kraft der Komfortzone (aka: Waldspaziergänge bei Nieselregen, Hafercookies und Meeresluft schnuppern). Du möchtest mehr über mich erfahren?

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