Du betrachtest gerade Warum Jammern deiner Resilienz schadet

Wir alle tun es – mehr oder weniger: Jammern ist weitverbreitet. Lies in diesem Beitrag, weshalb es gesünder ist, weniger zu jammern und wie es gelingen kann, damit aufzuhören.

Denn auf lange Sicht ist Jammern eine denkbar schlechte Strategie – es kann krank machen, deine Resilienz schwächen und sogar deine Gehirnareale verändern. Doch der Reihe nach.

Was bedeutet jammern?

„Jammern Lehrkräfte zu viel?“ Die Fernsehjournalistin hält mir ein Mikrofon vor die Nase und schaut mich auffordernd an. Das war auf der letzten didacta und seitdem hat mich diese Frage nicht mehr losgelassen. (Zu dieser Frage habe ich weiter unten einen eigenen Absatz geschrieben, wenn du magst, kann du direkt dorthin springen).

Woher kommt dieser Eindruck, dass manche Berufsgruppen besonders viel jammern? Und was genau bedeutet Jammern eigentlich? Ist Jammern nur eine (vor allem für das Umfeld) nervige Angewohnheit – oder hat es auch positive Seiten?

Denn eines ist klar: Jammern ist kein seltenes Phänomen. Scheinbar überall lauern sie, die Anlässe, die uns zum Jammern einladen: das Wetter (das zu warm oder zu kalt und ganz grundsätzlich nie so ist, wie man es sich wünscht), die planlosen Kolleg:innen, der unpünktliche Bus oder die neue Frisur, die völlig misslungen ist.

Um erst einmal etwas Klarheit zu schaffen, was Jammern ist, habe ich einen Blick ins Wörterbuch der deutschen Sprache geworfen. Darin finden sich zwei Beschreibungen[1]:

Nr. 1: Wer jammert, beklagt sich wiederholt und merklich über etwas – und das häufig viel stärker als es bei einem bestimmten Anlass angemessen wäre.

Nr. 2: Wer jammert, will Mitleid von anderen erhalten. Es ist zudem eine wirksame Strategie des Selbstmitleids.

Das Wort „Jammern“ hat einen eindeutig negativen Unterton. Wenn wir es verwenden, dann häufig abfällig: Ob „Du Jammerlappen“ oder „Hör auf mit deinem Gejammer“ – Jammern scheint nicht gerade hochangesehen zu sein.

Und dennoch: Wir tun es alle. Woran liegt das?

warum menschen gern jammern

Gelegentlich in Selbstmitleid zu verfallen und nach Herzenslust zu jammern – wer könnte es einem verdenken? Das kann sich entlastend anfühlen und dabei helfen, emotionale Anspannung abbauen. Sich durch Jammern bildlich gesprochen eine mitleidsvolle Decke über den Kopf zu ziehen – das ist zunächst in Ordnung, solange es kurz und gelegentlich passiert. Doch dazu später mehr. Erst einmal schauen wir uns an, warum Jammern so beliebt ist.

Hund zieht sich Decke über den Kopf

Was ist das Positive am Jammern?

Hier sind drei Gründe, weshalb Jammern gut tut:

#1: Jammern verstärkt kurzfristig (!) eine wichtige Resilienzkompetenz – die Netzwerkorientierung: 

Netzwerkorientierung ist die Fähigkeit von resilienten Menschen, sich anderen Menschen zuzuwenden und tragfähige Beziehungen zu ihnen aufzubauen. Das Bedürfnis nach Verbindung wird uns bereits in die Wiege gelegt. Wir sind soziale Wesen und brauchen den Kontakt zu anderen Menschen für unser Wohlbefinden. 

Wenn Menschen sich zum Beispiel abgelehnt oder ausgeschlossen fühlen, dann tut das buchstäblich weh: Im Gehirn werden bei sozialem Schmerz dieselben Areale aktiviert wie bei körperlichen Schmerzen. 

Jammern sorgt dafür, dass du dich kurzfristig mit anderen Menschen verbunden fühlst. Frau Schulze jammert über die Chaosklasse 7b und dass die Jugendlichen früher nicht solche Schnösel waren? Hach ja. Da stimmst du vielleicht gern mit ein. Das gemeinschaftliche Jammern hat in diesem Fall eine soziale Funktion – es verbindet uns mit anderen Menschen und stärkt das Wir-Gefühl. 

#2: Jammern sorgt für emotionale Entlastung:

Menschen jammern, wenn sie unangenehme Emotionen verspüren. Ob Unzufriedenheit, Traurigkeit oder Ärger: Das Jammern hat die Funktion eines Ventils. Denn oft ist der innere Druck in bestimmten Situationen hoch und wir jammern, weil wir diesen Druck ablassen wollen. In Kollegien und Teams ist gemeinsames Jammern ein Ventil zum Abbau von erlebten Frustrationen – daher kann das Jammern ein wichtiger Gradmesser dafür sein, wie unzufrieden oder zufrieden sich Menschen in ihrer Arbeitsumgebung fühlen.

Jammern hilft also beim Abbau von emotionaler Anspannung: Loswerden, was dich belastet – und das im Idealfall mit anderen zu teilen – ist etwas, das Dr. Zegelin als „Entlastungsgewinn“ bezeichnet[2].

#3: Jammern sorgt dafür, dass Menschen Aufmerksamkeit bekommen:

Kennst du das, wenn auf deine Frage: „Wie geht es dir?“ vom Gegenüber ein seufzend geäußertes: „Ach ja, muss ja“ kommt?

Ich schon. Wie verhältst du dich dann meistens? Drehst du dich achselzuckend um und lässt die Person stehen? Vermutlich eher nicht. Auch, wenn es dir widerstrebt, wirst du vielleicht nachfragen: „Was ist denn los?“

Und natürlich – diese Zuwendung tut Menschen gut, vor allem, wenn sie das Gefühl haben, die ganze Welt (oder zumindest die 7b) habe sich gegen sie verschworen. 

Das klingt alles erst einmal gar nicht so übel, oder?

Wenn du nun denkst, dass Jammern im Grunde keine so schlechte Idee ist – denk noch einmal darüber nach. Im nächsten Abschnitt erfährst du, weshalb es auf lange Sicht eine ungünstige Strategie ist, die deiner Resilienz schadet.

deshalb ist jammern ungesund

Jammern ist in etwa so, als würdest du in einer Hängematte liegen – um die Hängematte in Schwung zu halten, musst du stets ein kleines bisschen Energie aufwenden. Und dennoch kommst du nicht von der Stelle.

«Jammern kostet dich Energie und bringt dich dennoch nirgendwohin.»

Jammern ist ansteckend 

Du betrittst das Teamzimmer – und bis eben war deine Welt noch völlig in Ordnung. Doch ehe du dich versiehst: Auf einmal befindest du dich in einem Gespräch, in dem von deiner vorigen positiven Gestimmtheit nicht mehr viel zu spüren ist.

Was ist passiert? Du könntest in den Sog des Jammerns geraten sein. Dafür braucht es nicht viel: Es genügt eine Person, die über etwas jammert, um deine eigene Stimmung abkippen zu lassen. Das geschieht häufiger, als einem manchmal lieb ist.

Dafür sind Spiegelneurone verantwortlich. Diese Neuronen in deinem Gehirn sorgen dafür, dass du dich auf den emotionalen Zustand von anderen Menschen einschwingen kannst. Diese Nervenzellen sind außerdem dafür verantwortlich, dass wir – unbewusst – das Verhalten der Menschen in unserer Umgebung imitieren. Menschen steigen also auf Stimmungen ein, in denen sich ihr Gegenüber befindet. Das führt dazu, dass eine „Jammerstimmung“ von einer Person zur nächsten „überspringt“ – oder dass du sogar in das Jammern mit einstimmst.

Jammern erzeugt eine Opferhaltung 

„Ich kann nicht!“

„So etwas passiert immer nur mir!“

„Es wird sich ja ohnehin nie etwas ändern!“

Kommen dir solche Sätze bekannt vor? Sie sind ein typischer Ausdruck für jemanden, der sich in der sogenannten Opferhaltung befindet. Wenn du eine Opferhaltung einnimmst, bist du davon überzeugt, die ganze Welt hat sich gegen dich verschworen. Die Welt erscheint nur noch grau und grau.

Wer sich in der Opferhaltung befindet, fühlt sich ohnmächtig und machtlos. Schuld sind stets die Anderen, äußere Bedingungen oder das Schicksal. Dass es einen eigenen Handlungs- und Gestaltungsspielraum gibt, wird aus dieser Haltung heraus gar nicht erkannt. Und ja, manchmal ist dieser Spielraum klein und muss durch genaues Betrachten einer Situation erst einmal gefunden werden. Etwas, das aus der Opferhaltung heraus schwieriger bis unmöglich ist.

Natürlich, auch resiliente Menschen sind nicht immun gegen das Opfergefühl. Doch es gelingt ihnen, nach gewisser Zeit das zähe „Ich kann nicht“-Gefühl einzutauschen gegen eine lösungsorientierte „Es gibt einen Weg“-Einstellung.

Je resilienter du bist, desto eher akzeptierst du Umstände, die du im Moment nicht ändern kannst. Diese Akzeptanz kannst du dir wie einen Türöffner vorstellen: Wenn du etwas erst einmal so annimmst, wie es ist – und zwar nicht nur kognitiv, sondern auch emotional – kommst du zur Ruhe und dein inneres Stresslevel reguliert sich herunter. So dass du schließlich zu einer Lösung findest, eine neue Perspektive einnimmst oder den ersten Schritt in Richtung Veränderung gehst.

Jammern isoliert uns von anderen

Wie ich oben beschrieben habt, verstärkt Jammern kurzfristig das Gefühl von Aufmerksamkeit und Zugehörigkeit: Wer jammert, erhält Zuwendung. Das ist jedoch nur eine Art Trostpreis.

Wer dauerhaft oder wiederholt jammert, läuft Gefahr, ausgeschlossen zu werden. Auf lange Sicht wird das permanente Gejammer von den Mitmenschen entweder überhört oder nicht mehr ernst genommen.

Oder, als letzte Konsequenz, wenn das Jammern für andere nicht mehr auszuhalten ist: gemieden. Denn auf Dauer ist das Jammern für andere Menschen unglaublich kräftezehrend und kostet viele mentale und emotionale Ressourcen.

Jammern löst Stress aus

Wenn du jammerst, dann machst du das aus einem guten Grund. Du fühlst dich traurig, frustriert oder unzufrieden. Und hoffst, durch das „Ablassen“ würde es dir wieder besser gehen. Kurzfristig kann das funktionieren. Doch je länger und intensiver du jammerst, desto mehr Stress erzeugst du in deinem Organismus.

Das klingt paradox? Nun, wenn du über negative Dinge sprichst, dann entstehen die dazu gehörenden unangenehmen Emotionen, die in deinem Gehirn verarbeiten werden. Während dein Gehirn also Ärger, Wut oder Frust verarbeitet, sendet es Alarmsignale an den Körper: Achtung, Stress.

Dein Körper reagiert entsprechend: Er schüttet aktivierende Botenstoffe wie Adrenalin und Cortisol aus, erhöht die Herzfrequenz und den Muskeltonus – er macht dich bereit für eine Stressreaktion. Bloß willst du gar nicht fliehen oder kämpfen, du willst doch „nur“ jammern … Der Unterschied ist deinem Körper jedoch egal, er hat angemessen auf den Stress reagiert. Und es ist bekannt, dass Disstress – also negativer Stress – das Risiko für verschiedene Erkrankungen von Bluthochdruck bis zu Diabetes erhöht. Dauerhaftes Jammern kann also krank machen.

Jammern verändert dein Gehirn

Dein Gehirn baut sich durch wiederholtes Jammern um. Dein Gehirn besteht aus 86 Milliarden Nervenzellen, die über 100 Billionen Synapsen miteinander kommunizieren. Wenn du regelmäßig jammerst, dann „erziehst“ du dein Gehirn zu negativem Denken, da die entsprechenden neuronalen Verbindungen durch das wiederholte Jammern immer stärker werden. Du benutzt wieder und wieder dieselben neuronalen Pfade – so entsteht ein neuronales „Jammer-Netzwerk“, das künftig immer schneller und einfacher aktiviert wird. 

Denn das Gehirn liebt Einfachheit und Automatismen, um Energie zu sparen. 

Wer viel jammert, wird künftig also immer mehr Anlass zum Jammern finden – das Gehirn wird nun bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf diese vorhandenen Muster und Netzwerke zurückgreifen. Es bevorzugt nun einmal den bequemen Weg.

Du kannst es dir so vorstellen, dass nach einiger Zeit im Jammermodus deine Synapsen derart vernetzt sind, dass deine Gedanken automatisch eine negative Färbung annehmen. Auf einmal ist da diese „komische“ Grundstimmung. Eine Dauer-Genervtheit. Ein häufiges Schwarzsehen.

Dein Gehirn muss einfach weniger Energie für die negativen Gedanken aufwenden, da das entsprechende Netzwerk so gut ausgebaut ist – so dass es irgendwann negative Gedanken den optimistischen Gedanken vorzieht.

Jammern verändert das Gehirn

Noch einmal kurz & bündig

Wenn Menschen jammern, konzentrieren sie sich auf das, was nicht funktioniert, auf das, was negativ ist. Auf lange Sicht hat das Jammern zahlreiche negative Auswirkungen:

#1: Jammern führt zu einer Verstärkung von unangenehmen Emotionen wie Ärger, Wut oder Hilflosigkeit: also ausgerechnet den Emotionen, von denen wir uns doch entlasten wollten.

#2: Je stärker wir uns auf Negatives konzentrieren, umso stärken nehmen wir es wahr und umso größer und mächtiger wird es in unserer Wahrnehmung.

#3: Jammern verstärkt unseren Problemfokus – es fällt uns immer schwerer, in den Lösungsfokus zu gelangen. Im Lösungsfokus suchen wir nach Möglichkeiten, Optionen, Wegen. Während wir im Problemfokus in Passivität verharren und gedanklich Probleme sezieren.

#4: Je häufiger wir jammern und uns auf das Negative konzentrieren, desto eher kommen wir zu einer generellen negativen Lebenseinstellung. Wir glauben dann, dass das Leben hart, ungerecht und schwierig ist.

«How does it help to make troubles heavier by bemoaning them?»

SENECA

Jammern Lehrkräfte denn nun besonders viel?

Bevor ich dir beschreibe, wie ein Ausweg aus der Jammer-Hängematte aussieht, möchte ich einen kurzen Abstecher machen. Denn in der medialen Wahrnehmung scheinen vor allem Lehrkräfte besonders viel zu jammern. Was ist da dran?

Manchmal denke ich mir ja, sie jammern noch zu wenig, angesichts der fehlenden Ressourcen und gleichzeitig zahlreichen Anforderungen. In einem Beruf, in dem 92 % der Lehrkräfte berichten, dass ihr Kollegium hoch oder sehr hoch belastet ist und nahezu 80 % häufig an den Wochenenden arbeiten[3], wundert es mich eher, dass nicht viel mehr geklagt wird. 

Woher kommt der Eindruck, dass unter Lehrkräften besonders viel gejammert wird? Vorweg: Wenn von „Lehrkräften“ gesprochen oder geschrieben wird, entsteht schnell der Eindruck, dass Lehrkräfte eine homogene Gruppe seien. Dabei wird leicht übersehen, dass das nicht so ist.

Zudem macht es einen Unterschied wo ich unterrichte, was ich unterrichte, wen ich unterrichte, wie viel ich unterrichte, wie mein soziales Umfeld aussieht, welche Anforderungen ich außerhalb von Schule zu wuppen habe, wie es um meine aktuelle Gesundheit bestellt ist und und und …Es gibt nicht DIE Lehrkraft.

Was ich in meiner Arbeit mit Lehrkräften und anderen pädagogischen Fachkräften erlebe, ist also ein bunter Mix: Manche jammern. Manche jammern viel, manche wenig. Zu mir kommen ganz allgemein Menschen, die ihren Beruf (noch) lieben. So sehr, dass sie manchmal nicht wissen, wohin mit all dem Frust und der Überforderung. 

An dieser Stelle noch einmal eine kurze Erinnerung: Der Zweck des Jammerns besteht allgemein darin, Mitleid zu erregen

Geht es Lehrkräften um Mitleid? Wohl kaum.

Daher würde ich auch nicht von „jammern“ sprechen, wenn Lehrkräfte bessere Arbeitsbedingungen und Ressourcen fordern: Jammern will keine Veränderung. 

Doch genau das ist es, was viele Lehrkräfte wollen: Veränderung.

Ob das die Entlastung von Verwaltungsaufgaben ist, die Unterstützung durch Fachkräfte in multiprofessionellen Teams oder kleinere Klassen: Wenn man Lehrkräfte fragt, haben sie konkrete Lösungsansätze parat, welche Art der Veränderung sie sich wünschen. Konkrete Lösungsansätze? Auch das hat nichts mit Jammerei zu tun.

Um den Bogen zum Jammern wieder zu schließen: Wenn wir vom echten Jammern sprechen, dann sind davon auch Lehrkräfte betroffen. Na klar. So wie Ärzt:innen, Pflegekräfte, Führungskräfte, Hundetrainer:innen, Friseur:innen, Erzieher:innen. So wie ich auch. 

Jammern ist nicht an eine spezifische Berufsgruppe gebunden. Es ist an Menschen allgemein gebunden:

«Jammern ist ein zutiefst menschliches Verhalten, das immer dann an die Oberfläche drängt, wenn eines (oder mehrere) unserer Grundbedürfnisse unerfüllt sind.» 

Daher finde ich es wichtig, diese Funktion des Jammerns zu verstehen. Indem du dich fragst: „Welches meiner Bedürfnisse wird nicht erfüllt?“, kannst du der Ursache des Jammerns auf den Grund gehen. Somit kann das Jammern dir durchaus helfen, deine wahren Bedürfnisse aufzudecken und hat die wichtige Funktion eines Katalysators.

Raus aus der Jammer-Hängematte

Raus aus der Jammer-Hängematte

Was kannst du also tun, wenn die Jammer-Hängematte zu verlockend erscheint und alles in dir sich danach sehnt, es sich darin bequem zu machen? Völlig unabhängig davon, ob du nun Lehrkraft bist oder nicht.

Ich habe hier fünf Möglichkeiten für dich zusammengestellt, die ich selbst bereits ausprobiert habe. Schau einfach, welche am besten zu dir passt und dann probiere sie aus. Freue dich auf mehr jammerfreie Momente in deinem Leben und somit auf mehr angenehme Emotionen wie Zufriedenheit, Freude oder Stolz.

#1: Jammere bewusst

„Häh, wie jetzt?“, denkst du nun vielleicht, denn mein erster Tipp lautet: Wenn das Bedürfnis nach Jammern groß ist – dann tu es! Lege dich möglichst mit voller Absicht in die Jammer-Hängematte und bitte mit dem Wissen, dass dies nur ein kurzer und gelegentlicher Aufenthalt sein sollte. 

Gestatte dir also ein bewusstes Jammern in kleinen Dosen: Gönne dir ein großes Stück Schokolade und leg los. Doch nach wenigen Minuten: Mache damit Schluss. Unterbrich dich bewusst und aktiv, indem du dir sagst: „Nun verlasse ich die Jammer-Hängematte wieder, auch, wenn’s schwerfällt.“

#2: Jammer-Fasten

Falls du dich lieber konsequent entwöhnen willst, dann ist womöglich ein „Jammer-Fasten“ das Richtige für dich. Manche Menschen können wochen- und monatelang komplett auf Schokolade verzichten, während das Einteilen einer Tafel in kleine Stückchen bei ihnen nicht funktioniert. Betrachte das Jammer-Fasten genauso: Streiche das Jammern konsequent für einen festgelegten Zeitraum von deiner Liste.

Starte damit, dass du einen Tag lang bewusst nicht jammerst. Probiere diese Variante gleich morgen aus: Wenn du dich dabei ertappst, dass du jammern willst – stoppe dich. Wieder und wieder und wieder. Nicht das kleinste Fitzelchen Jammern ist beim Fasten erlaubt.

#3: Begrenze deinen Kontakt zu jammernden Menschen

Du möchtest weniger jammern? Dann solltest du den Ratschlag von Steven Parton beherzigen. Er empfiehlt in seinem lesenswerten Beitrag „Why complaining is literally killing you”[4] vor allem eines: Wenn du glücklich sein willst, halte dich von jammernden Menschen fern.

Dieser Ratschlag ist in der Tat unglaublich wirkungsvoll, denn wie ich oben beschrieben habe, kann dein Gehirn gar nicht anders, als in einer Art „Probehandeln“ die Emotionen deines Gegenübers gedanklich „auszuprobieren“. Daher fühlst du dich nach dem Kontakt mit bestimmten Menschen auf einmal ausgelaugt oder missmutig, obwohl du mit sonniger Laune in euer Treffen gegangen bist. 

Begrenze deinen Kontakt zu Menschen, die gern, viel und regelmäßig jammern, möglichst auf ein Minimum.

#4: Trainiere deine Lösungsorientierung

Die Lösungsorientierung ist ein wichtiger Schutzfaktor der Resilienz. Wenn du dich lösungsorientiert verhältst, analysierst du Probleme nicht länger als nötig. Du stellst dir Fragen, mit deren Hilfe du den Fokus auf eine mögliche Lösung richtest.

Lösungsorientierte Fragen sind zum Beispiel: „Welchen ersten, kleinen Schritt kann ich als Nächstes machen?“ oder „Wie könnte die zweitbeste Lösung aussehen?“

Es geht oft um Minischritte, die dabei helfen, die eingenommene Opferhaltung zu verlassen.

#5: Dankbarkeit als Gegenmittel

Ein wirksames Gegenmittel zum Jammern ist die Dankbarkeit. Die positiven Effekte von Dankbarkeit sind inzwischen gut belegt. 

Forschende der Universität von Berkeley in Kalifornien fanden in einer Studie heraus[5], dass Dankbarkeitsübungen einen wichtigen Bereich im Gehirn aktivieren, der für emotionale Bewertungen und das Lösen von Problemen zuständig ist: den präfrontalen Cortex. Um in die Lösungsorientierung zu kommen, ist dieser Teil deines Gehirns also entscheidend.

Die Forschenden ließen eine Gruppe von Studierenden Dankesbriefe schreiben. Über drei Wochen sollten sie jede Woche einen solchen Brief verfassen. Mehr nicht. Nach drei Monaten wiesen die Forschenden mittels Hirnscans nach, dass der präfrontale Cortex der Studierenden eine größere neuronale Sensitivität zeigte, wenn sie Dankbarkeit empfanden.

Dankbarkeit zu üben, kann deinem Gehirn also dabei helfen, immer empfänglicher für Dankbarkeit zu sein. Ein sich selbst verstärkender Lernprozess also.

Vereinfacht gesagt: Wo Dankbarkeit regiert, ist kein Platz für Jammern.

Ich für meinen Teil kann nur sagen, dass das doch eindeutig besser klingt, als sich ein Jammernetzwerk anzutrainieren.

Dankbarkeit hilft gegen Jammern

Und wie geht’s nun weiter?

In seinem Buch „Jammern gefährdet die Gesundheit“ beschreibt Dani Nieth das Jammern so: „Das allgemeine Jammern – und das ist das Problem – geht NICHT mit einem Wunsch nach Veränderung einher.“[6]

Es ist wichtig, diese Unterscheidung zu beherzigen. Frage dich daher, wenn dich der Drang zum Jammern packt: „Möchte ich etwas verändern oder einfach nur jammern?“ 

Die Kunst ist, dass du dich im ersten Schritt ertappst: Häufig ist uns permanentes Jammern nämlich so vertraut, dass es uns selbst nicht einmal mehr auffällt. Wenn du es daher bemerkst, darfst du dir auf die Schulter klopfen: Du hast dir eine – oft automatisiert ablaufende – Verhaltensweise bewusst gemacht.

Im zweiten Schritt fragst du dich: Möchte ich einfach nur eine Runde jammern, mich selbst bemitleiden, meine Wunden lecken (wie gesagt: kurz und gelegentlich ist das vielleicht noch fein) – oder möchte ich etwas verändern?

Wenn es in dieser Reihenfolge geschieht, dann kann das Jammern wie eine Initialzündung wirken und einen Veränderungsprozess anschubsen. 

Dauerhaftes Jammern, ohne Veränderungsimpuls hingegen, zeigt dir jedenfalls deutlich: Es gibt Bedürfnisse in deinem Leben, die du vernachlässigst. Je intensiver, regelmäßiger und wiederholter du dich beim Jammern erlebst, desto länger vernachlässigst du bereits diese wichtigen Bedürfnisse. Das Jammern ist also ein ernstzunehmender Gradmesser für dich und dein Wohlbefinden.


[1]Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache: https://www.dwds.de/wb/jammern

[2]Zegelin, Dr. Angelika: Raus aus dem Jammertal! In: Die Schwester. Der Pfleger 5/2017, https://www.bibliomed-pflege.de/sp/artikel/31980-raus-aus-dem-jammertal

[3]Robert Bosch Stiftung (2023): Das Deutsche Schulbarometer: Aktuelle Herausforderungen aus Sicht der Lehrkräfte. Ergebnisse einer Befragung von Lehrkräften allgemein- und berufsbildender Schulen. Stuttgart: Robert Bosch Stiftung. https://deutsches-schulportal.de/deutsches-schulbarometer/#juni-2023

[4]Parton, Steven: The Science of Happiness: Why complaining is literally killing you, in: curious apes, https://curiousapes.com/the-science-of-happiness-why-complaining-is-literally-killing-you/

[5]Brown, Joshua & Wong, Joel: How Gratitude Changes You And Your Brain, in: Greater Good News, Science-based insights for a meaningful life, 6.6.2017, https://greatergood.berkeley.edu/article/item/how_gratitude_changes_you_and_your_brain

[6]Nieth, Dani: Jammern gefährdet Ihre Gesundheit. Frustfrei in sieben Tagen, München: mvg Verlag, 2016, S. 11

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